Anne Müller-Dorn
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Aus der Einführungsrede zur Ausstellung „correlation“
von Monika Maier-Speicher

Die Arbeiten von Anne Müller-Dorn und Katharina Wolff unterscheiden sich von den Werken Gabi Wagners und Monika Maier-Speichers schon allein dadurch, dass sie sich nicht nur in der Fläche bewegen, sondern sich tatsächlich vom Untergrund ablösen oder aus ihm herauswachsen. Beide Künstlerinnen studierten an der Hochschule der Bildenden Künste in Saarbrücken bei Professor Sigurd Rompza und beiden ist das Experimentieren und Erforschen von kunstfremdem Material zu eigen. Dass sie damit jedoch keineswegs die europäische Tradition der Malerei und ihre Gesetzmäßigkeiten verlassen, sollen die folgenden Ausführungen zeigen.
                       
Anne Müller-Dorn
Ihre Bildwerke machen den Betrachter durch das zunächst fremdartige Material neugierig. Handelt es sich um Plastikteile, die vorher bereits eine andere Bestimmung hatten? Oder hat sie diese Teile selbst hergestellt? Wenn ja - wie und woraus?
Mit diesen Fragen sind Sie als Betrachter genau da, wo Anne Müller-Dorn ihre Arbeit beginnt. Die erste Entscheidung beginnt mit deren Beantwortung. Ich werde im Folgenden je nach Herkunft des Materials zwei Werkgruppen unterscheide: Soll der Arbeitsprozess mit industriell vorgefertigten Gebrauchsgegenständen vorangehen oder sollen die Einzelelemente selbst angefertigt werden.
Die Objekte, die Müller-Dorn aus industriell gefertigten alltäglichen Ge- und Verbrauchsgegenständen schafft, können aus Müllbeuteln, Plastikwasserflaschen, Frühstücksbeuteln und Folien sein. Durch Zerschneiden, Erhitzen, Zerknüllen werden die Gegenstände einerseits ihrer Funktion beraubt, erhalten andererseits aber gerade dadurch den Status von Einzelelementen, die besondere und für Müller Dorn interessante Eigenschaften besitzen und jetzt erst, da sie ihrer Funktion beraubt sind,  zur vollen Beachtung kommen können: Transparenz, Verdichtung durch Überlagerung, Farbigkeit und Instabilität der Masse, die jetzt stärker als das unverletzte Objekt der Schwerkraft gehorcht.
Die zweite Werkgruppe besteht aus Bildwerken, deren Elemente von der Künstlerin selbst angefertigt wurden, meist aus Knochen- oder Holzleim. Die flüssige Masse wird in manchen Fällen eingefärbt, in Formen gefüllt, wo sie erstarrt. Da diese Substanz auf Temperaturunterschiede und Feuchtigkeit reagiert, verändern sich diese Objekte im Jahreslauf minimal.
Die Synthese dieser Einzelelemente führt zu Kompositionen, die auf überraschende Weise die Eigenschaften des Materials neu beleuchten: Transparente Farben überlagern sich und zeigen eine reiche Modulation an Farbtönen. Farblose Elemente verdichten sich in enger Schichtung zu strahlendem Weiß. Da sich die Objekte unregelmäßig vom Untergrund lösen, bilden sich bei Beleuchtung Schatten, die sich bei Transparenz wiederum mit dem Durchlicht überlagern und die Komposition mitbestimmen. Wie in der Materialanalyse des ersten Schrittes wird auch bei der Auseinandersetzung der Künstlerin mit der Synthese der Schaffensprozess zum Forschungsprozess.
Doch dient das Material hier nicht nur als Hilfsmittel, um das „Bildmotiv“ zu gestalten, sondern als pars pro toto des Bildinhaltes bzw. des Dargestellten. Die technischen Prozesse spiegeln das inhaltliche Thema wieder: Freisetzung und Inszenierung des Materials Farbe. Obwohl also strenggenommen durch ihr Eigenvolumen die Werke Müller-Dorns der Plastik zuzurechnen sind, bewegen sie sich in einem Grenzbereich, in welcher Plastik und Gestaltung mit und durch Farbe verschmelzen.
Vorläufer von Experimenten, die das materiale Verhalten von Pigmenten und Farben untersuchten, war neben Oskar Schlemmers Projekt „Modulation und Patina“ vor allem das Action Painting von Jackson Pollock. Die Malerin Lynda Bengelis hat diese Richtung noch weiter verfolgt, in dem sie flüssigen, pigmentierten Latex-Kunststoff in riesigen Pfützen auf den Boden der Galerie ausgoss und dort erstarren ließ.
Nachdem sich in den vergangenen Jahren im Werk Müller-Dorns das Material völlig vom Untergrund löste und autonom wurde oder diesen gerade in den seriellen Arbeiten wieder durch die Schattenprojektion mit einbezog, sind die neuen Arbeiten durch die Bemalung der Oberfläche der sich wie Muscheln öffnenden Halbschalen wieder fest mit dem Malgrund verbunden. Die Dichte der weißen oder dunklen Malschicht verdeckt zwar die Zartheit und Fragilität des Materials, lässt jedoch kleine Einblicke zu, aus denen die Farbe jetzt umso mehr strahlt. Je nach Standpunkt des Betrachters schließt sich das Werk zu einem relativ farbhomogenen Relief, das vom sensiblen Licht- und Schattenspiel lebt oder gibt die sorgfältig umschlossenen Hohlräume preis, aus denen die Farbe wie kleine Kostbarkeiten leuchtet.

Auch wenn der Kunsthistoriker Hajo Düchting der Meinung ist, dass „diese blanke Form der selbst-referentiellen Zur-Schau-Stellung des Farbmaterials (...) sicher ein Endpunkt der (...) Entwicklung der Materialisierung der Malerei“* sei, kann man gerade an Anne Müller-Dorns Arbeiten die kontinuierliche Entwicklung eines Oeuvres verfolgen, das sich analog zur Wissenschaft durch ein einmal gestelltes Problem stetig weiter entfaltet.

* Düchting, Hajo, Grundlagen der künstlerischen Gestaltung, Köln 2003