Anne Müller-Dorn
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Arbeiten in Farbe und Material

 

Anne Müller-Dorn setzt sich in ihrer Malerei seit Beginn der 90er Jahre verstärkt mit dem Materialhaften der Farbe auseinander. Parallel dazu löst sich ihre Malerei mehr und mehr vom herkömmlichen, zweidimensionalen Bildgrund.

Die aktuellen Arbeiten sind konkrete Kunst.
Konkretisiert, also zur Eigendarstellung gebracht werden hier neben der Farbe und Materialien wie Leim, Textil, Kunststofffolie auch Prozesse und Bewegungen wie Fließen, Tropfen, Wölben, Bersten sowie Kräfte (Schwerkraft, Materialspannung).
Die Werke in ihrer Gesamtheit oszillieren zwischen diesen Aspekten: Sie kommen, wie der Werdegang der Künstlerin verdeutlicht, von der Malerei, bewegen sich hin zum Objekt, gehen aber immer wieder zurück zur Malerei. Die einzelne in diesem Spannungsfeld entstehende Arbeit kristallisiert an einem bestimmten Punkt, mal mehr zum Malerischen hin orientiert, mal mehr zum Objekthaften.
Das Verfahren kann als ein dialektisches beschrieben werden.
Im Werk wird Malerei, wird das Objekthafte aufgehoben im dreifachen, hegelschen Sinne. So wird zum Beispiel bei den Arbeiten mit Knochenleim die Malerei durch das Weglassen eines Bildgrundes in Frage gestellt. Farbe jedoch als das essentielle Mittel der Malerei ist vorhanden, und zwar in  reinster Form. Das Material Leim seinerseits wird ´aufgehoben´, indem es seine funktionalen Qualitäten einbüßt, aber gleichzeitig seine ästhetischen Qualitäten Transparenz und Zerbrechlichkeit präsentieren kann.
Das gleichwertige Nebeneinander von  natürlichen und synthetischen Stoffen wie Knochenleim und Polyethylen in den Arbeiten der Künstlerin mag überraschen. Bei aller Verschiedenheit der Herkunft haben sie jedoch wesentliche Merkmale gemeinsam: Sie sind transparent und lichthaft, Modulationen zwischen trüb und durchscheinend ergeben sich, sie wirken leicht und zerbrechlich. Sie werden bei der Gestaltung gleichermaßen mit Farbe konfrontiert, nehmen sie mehr oder weniger leicht auf, lassen sich durchfärben, bis hin zum Einswerden von Stoff und Farbe.

 

Zur Arbeitsweise

Die Bilder sind Ergebnis eines komplexen Prozesses, der changiert zwischen Experiment
und gezielter Gestaltung. Die Eigenkräfte des Materials sowie seine Reaktion auf die Schwerkraft nämlich sind immanenter Bestandteil des  Entstehensvorgangs und damit auch der Bildaussage des Werks.

Die Arbeit der Künstlerin an Farbe und Material lässt sich in drei Phasen gliedern:
Sehen, Verändern und Gestalten.

Der erste Schritt ist das Entdecken eines Materials, das Erkennen  seiner spezifischen Eigenschaften und seiner mitunter verborgenen Ästhetik.

Die Bildidee verlangt es nun, dass der eigentlichen Gestaltung ein gleichsam analytischer Prozess vorausgeht: In einem zweiten Schritt wird das Ausgangsmaterial verändert und zerkleinert; damit ist sein herkömmlicher Funktionszusammenhang aufgebrochen. Der Leim wird verflüssigt, verdünnt, erhitzt, gefärbt und schließlich auf eine Unterlage gegeben, auf der er nicht haften kann. Weißer Baumwollstoff wird eingefärbt, in Streifen geschnitten oder gar in einzelne Fasern zerrissen.

Auf flüssigkeitsabweisendes weißes Vlies wird gegen seine Natur, quasi gewaltsam, Farbe in
verschiedener Konsistenz aufgebracht.  Danach wird es  zerschnitten. Kunststofftüten werden aufgeschnitten, zu Rechtecken oder Bändern verarbeitet, gefärbt, durchlöchert, zerknüllt, durch Hitze verformt. Großformatige Transparentpapiere und Kunststofffolien werden in kleine Stücke gerissen oder geschnitten.
Diese Handlungen sind zeitaufwändig, repetitiv und in gewissem Maße meditativ. Sie haben einerseits den Charakter der Zerstörung, andererseits eignet die Künstlerin sich das Material auf diese Weise an: Es wird vom gewöhnlichen, käuflichen zu einem persönlichen, außergewöhnlichen Produkt.
Darüber hinaus drückt sich durch die intensive Beschäftigung mit dem Material ihre Wertschätzung ihm gegenüber aus: Die Substanz wird mit Arbeit aufgeladen und somit wertvoll gemacht.

Das Verändern und Aufladen des Materials ist, wie die Kleinteiligkeit, eine wesentliche Voraussetzung für den  dritten Schritt, den eigentlich gestalterischen Akt, der als Synthese verstanden werden kann. Nun wird das zuvor analysierte und disfunktionalisierte Material zum Kunstwerk komponiert.
Die gefärbte Leimbrühe wird schichtweise aufgetragen. Die Plastiktüten werden vernäht oder verschweißt, die Streifen aus Baumwolle werden aneinandergeklebt, die Vliesstücke werden mit Nadel und Faden zusammen-geheftet.
Auch jener Prozess ist im wörtlichen Sinne vielschichtig: Es wird in zahlreichen Lagen übereinander gearbeitet und jeder Arbeitsgang setzt sich aus vielen Einzelhandlungen zusammen. So haben auch bei diesem Teil des Schaffensprozesses das repetitive und das meditative Element eine große Bedeutung, was sicherlich auch zu der besonderen Wirkung der Bilder beiträgt.

 

Zum künstlerischen Anliegen

In den vorgestellten Arbeiten wird den  synthetischen und natürlichen Materialien Raum gegeben sich zu entwickeln, indem sie von ihrer üblichen Funktion befreit im Zusammenhang mit anderen künstlerischen Elementen präsentiert werden. Jedes verwendete Ausgangsmaterial wird im Kunstwerk umgedeutet hinsichtlich Gestalt und Funktion: Vom alltäglich-praktischen Produkt als Kleber, Vorhang, Müllsack, wird es ästhetisches als Fläche, Farbe, Relief. Die Form folgt nicht mehr der Funktion, sondern nur noch der Eigengesetzlichkeit des Materials im gestalterischen Verfahren.

Farbwirkungen, das Wechselspiel von Transparenz und Opazität, Zerbrechlichkeit, Spannung, Veränderung – dies sind die Leitthemen im Werk von Anne Müller-Dorn.

In den Vlies-Arbeiten zum Beispiel wird der Farbauftrag im Querschnitt gezeigt. Das Durchdringen des Malgrundes durch Acryl- oder Ölfarben in jeweils charakteristischer Weise ist Gegenstand dieser Bilder. Schmale Farbkrusten stehen in Kontrast zu den breiten Spuren des Einsickerns der Farbe in das Vlies, und die geschnittene, harte Farbkante kontrastiert mit der weichen Stofflichkeit des Materials.  Das Weiß des Vlieses vermittelt in der komplementären Farbigkeit mancher Arbeiten, z.B. zwischen gelb und violett. An anderer Stelle verändert sich dasselbe Weiß in der Simultaneität hin zu einem Grauton.
Zu sehen sind Farblinien, die in ihrem Verlauf durch die Farbkonsistenz und den Materialcharakter des Vlieses bestimmt sind sowie durch die Art und Weise, wie die einzelnen Streifen zusammengefügt wurden. Die Linie als bildnerisches Mittel ist hier nicht geometrisch konkretisiert, sondern erfüllt primär die notwendige Aufgabe, Farbe und Bindemittel als konkrete Substanz  zu artikulieren und deren Verhalten  zum Ausdruck zu bringen.

Dies gilt gleichermaßen für den Punkt als gestalterisches Element. Bei den Leim-Arbeiten bietet er der Farbe den notwenigen Raum zur Entfaltung.
Der an sich transparente, leicht bräunliche Knochenleim wird vorsichtig mit löslicher Farbe behandelt, so dass sein Charakter sich nicht verändert. Fällt gerichtetes Licht durch das Leimbild auf einen weißen Untergrund, wird auf diesem ein Abbild, eine Art Projektion sichtbar. Dies verleiht den Arbeiten in der Präsentation eine besondere Tiefenwirkung.
Farbmodulationen und Unterschiede in Sättigung und Helligkeit bei monochromen wie mehrfarbigen Arbeiten ergeben sich durch das Übereinanderlagern der Leimpunkte. Durch starke Verdichtung und Schichtung  des Mediums verlieren sich in manchen Arbeiten die Transparenz bzw. die Punktstruktur: Bei einer gewissen Distanz  verschmelzen die unterschiedlichen Farbpunkte im Auge des Betrachters zu einem Mischeindruck (optische Farbmischung) bzw. zu einer amorphen Struktur.

Die Ambivalenz von Transparenz und Undurchsichtigkeit, beispielsweise bei der Verwendung von mehr oder weniger deckender Farbe oder beim Übereinanderlegen mehrerer halbtransparenter Stoffe, und die dadurch hervorgerufene Unschärfe, die Tiefe und die subtilen Farbwirkungen interessieren die Künstlerin schon sehr lange: In früheren Malereien auf Transparentpapier, auf möglichst dünnem Leinen, mit reinem Öl auf Papier und später mit Transparentpapier zwischen Plexiglasplatten wird dies deutlich.
Die materialeigene Transparenz der Kunststofftüten wird durch Eingriffe wie Bündeln, Überlagern, Schichten, Farbauftrag an ihre Grenzen gebracht.
Auch das Zerbrechliche und Filigrane ist ein wichtiger Aspekt des Werks: Das Ausfasern der gerissenen Textilstreifen, der zerbrechliche Rand der Leim-Bilder werden kultiviert und bestimmen den Ausdruck der Arbeiten entscheidend mit, denn nicht zuletzt sind sie Bestandteil der materialimmanenten Ästhetik.

Das Relief der Arbeiten, das je nach Lichteinfall unterschiedliche Hell-Dunkel-Wirkungen erzeugt, führt wiederum zu subtilen Modulationen in der Farbe.
Die monochrom weiße Arbeit mit Vlies zum Beispiel ruft einen Eindruck von Unschärfe hervor, aufgrund jener weichen Übergänge zwischen Weiß- und Grautönen. Das Relief der ebenso monochrom weißen Arbeit mit den Frühstücksbeuteln wirkt dagegen härter, kälter, kristalliner.
Das Raumgreifende ergibt sich zwangsläufig beim Umgang mit den Materialien. Die inneren Spannungen beispielsweise beim Trocknen des Leims bewirken starke Verformungen der Fläche, welche konsequent im Gestaltungsprozess thematisiert werden. Die raumgreifende Halbkreisform der blauen Textilarbeit zum Beispiel ist nur durch die Spannkraft des Knochenleims entstanden.
Neben den Materialeigenschaften und den Farbwirkungen wird zudem das Prozesshafte von Material und Gestaltung in den Werken thematisiert. Die Leim-Arbeiten bringen beispielsweise die Dynamik des Trocknungsvorgangs zum Ausdruck, indem die Spannkraft, das Verformen und Bersten sichtbar sind.
Das Format ist bei vielen Arbeiten annähernd quadratisch, da das Quadrat keine Richtung und keinen Schwerpunkt hat und somit sich Farbe und Material auf der Fläche ungehindert von äußerlichen, kompositionellen Einschränkungen entfalten können.

 

In den Arbeiten von Anne Müller-Dorn wird das ästhetische Potenzial gewöhnlicher Werkstoffe offenbart, das Material wird an die Grenzen geführt, so dass es seine Kraft und Lebendigkeit entfalten kann.
Die Farbe ihrerseits wird durch die Ablösung vom Bildgrund in höchstem Maße purifiziert.
Ein besonderer Reiz dieser Kunst liegt in ihrem Oszillieren zwischen Malerei und Objekt. Eine Entscheidung, was überwiegt, mag der Betrachter fällen.


Weiß überlagert. Mischtechnik auf Leinen, 38x38cm


Papierplastik. Transparentpapier, Knochenleim, Heißleim 76x41x31cm


Mit Rot. Knochenleimfarbe, 70x65cm


Gerafft. Frühstücksbeutel PE, Ölfarbe und Nylonfaden, 110x80cm


Ohne Titel. Druckereifolie, 57x40x11cm


Wie Gras. Knochenleimfarbe, 81x57cm


Federn. Knochenleim und Baumwollfetzen, 32x30cm

Kleine blaue Stapel. Vlies, Ölfarbe, Acrylfarbe und Nylonfaden, 30x25x13cm


Schichten. Abfallsäcke PE, 100x62cm

Blau und Orange. Knochenleimfarbe, 42x42cm


Farbstreifen. Baumwollstoff und Knochenleim, 49x45cm


Zerzaust. Knochenleimfarbe, 64x55cm


Tôle. Knochenleimfarbe, 60x41cm


Gelb-Violett II. Vlies, Acrylfarbe und Nylonfaden, 53x47cm


Ohne Titel. Vlies, Ölfarbe, Acrylfarbe und Nylonfaden, 48x45cm


Blau hell. Knochenleimfarbe, 16x15cm


Schwarzes. Knochenleimfarbe, 83x45cm


Löchrig. Abfallsäcke PE, 86x70cm


Ringe. Papier und Knochenleim, 31x41cm


Weich. Vlies und Nylonfaden, 50x40cm


Vierhundert. Frühstücksbeutel PE und Nylonfaden, 127x100x20cm


Tonne. Baumwollstoff und Knochenleim, 80x72x15cm


Oxyplastine. Knochenleimfarbe und Ölfarbe, 70x65cm