Anne Müller-Dorn
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Monika Maier-Speicher:  Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Verschmelzungen“

Das Wort „Verschmelzung“, gleichbedeutend mit „Fusion“, besagt in der Wirtschaft zwar nicht dasselbe wie in der Kunst, aber auch nichts gänzlich anderes. Es verspricht Konzentration (worauf?), Verbesserung (wovon?), Schaffung einer neuen Einheit (woraus?) und – ein physikalischer Aspekt – Entstehung von Energie (wodurch?). Antworten auf diese Fragen sollten wir uns von Anne Müller-Dorns Arbeiten versprechen, die sie unter dem zusammenfassenden Begriff „Verschmelzungen“ präsentiert.

Zunächst fällt die Farbigkeit ins Auge. Die Farben besitzen eine anlockende und starke Leuchtkraft. Lässt man das Auge über die Ausstellungsflächen gleiten, nimmt man eine Malerin wahr, die im spielerischen Umgang mit den unterschiedlichen Farbtönen auch zu „gewagten“ Farbzusammenstellungen greift: So treten neben Komplementärfarben wie Rot-Grün und Qualitätskontraste von bunter und unbunter Farbe auch Kombinationen von Zinnoberrot und hellem Magenta oder Violett und kühlesm Rosa in einem Umfeld von Olivgrün, Französisch Grün und Maigrün auf. Im Farbspektrum gibt es keinen Bereich, der ihr nicht gelegen ist. Gerade Farbgegensätze, die teilweise für unsere Augen ungewohnt erscheinen, haben für die Künstlerin einen bestimmten Reiz. In ihrer Zusammensetzung  werden Muster aus geometrischen Formen erkennbar. Als Grundmodul dominiert häufig das Quadrat oder es entsteht durch einen speziellen Umgang mit dem Material, worüber noch zu sprechen sein wird, ein Moiré-Effekt. Ist also Anne Müller-Dorn eine Malerin?

Bilder haben in der Regel drei Ebenen: der Bildträger, Holz, Papier, Leinwand etc., darauf die Farbe, Wasser-, Öl-, Acrylfarbe oder Kreide und als dritte nicht-materielle Schicht der Inhalt oder das Motiv.

 

1. Werkgruppe (Moiré-Bilder)

Nun ist bei den Moiré-Bildern das Trägermaterial eine ganz traditionelle, auf einen Keilrahmen aufgezogene Leinwand, die mit verschieden breiten Farbfeldern als Hintergrund, besser Untergrund, bemalt wird. Das Motiv selbst besteht wiederum aus Leinwand, die von beiden Seiten unterschiedlich gefärbt wurde, dann in schmale Streifen geschnitten, drei bis sechs mal verdreht und auf die erste Trägerleinwand montiert wird. Das Muster oder Motiv, das wir von weitem erkennen, ist eine Verschmelzung der Farben von „Motivleinwand“ und Trägerleinwand. Müller-Dorn erreicht damit eine Metaebene: die Produktion des Werkes hat sich selbst zum Inhalt, wird selbst-referentiell. Mit jeder Drehung des Leinwandstreifens zeigt sich die Farbe der Vor- oder Rückseite und setzt sich optisch mit der Farbe des Untergrundes zu einem Bild zusammen – also eine Vermischung von Objekt- und Metaebene – eine optische Verschmelzung.
Eine verwandte Serie führt noch einen Schritt weiter: Die „Motivleinwand“ wird zusätzlich mit Silikonwülsten belegt, deren unterschiedliche Dicke sich beim anschließenden Schneiden im Querschnitt zeigt. Dieser bleibt nach der Befestigung auf der Untergrundleinwand sichtbar. Das transparente Silikon leitet die Farbe der Leinwand, die in einem hellen Schimmer wahrgenommen werden kann. Bedingt durch die Technik löst sich bei Müller-Dorn die Farbe vom ursprünglichen Trägermaterial und bildet nicht nur ein Relief, sondern durch die Einblicke in die Zwischenräume einen flachen Raum. Ein Abschreiten parallel zum Bild, das Bild dabei nicht aus den Augen lassend, führt zu einer simultanen Bewegung und Veränderung des Motivs. Unwillkürlich entsinnt man sich der Experimente, Erkenntnisse und Ergebnisse der Op-Art-Künstler, die in Müller-Dorns Moiré-Bildern ihre Fortsetzung finden.

 

2. Werkgruppe (Arbeiten mit entfremdeten Plastikelementen)

Ein zweite Werkgruppe begrüßt den Besucher schon vor der Halle. Hier fällt die Einordnung des Materials schwerer. Bei genauerer Untersuchung erkennt man Einzelelemente, die an Plastikdeckel und Ringe von handelsüblichen Wasserflaschen erinnern, also industriell gefertigte Teile für den täglichen Gebrauch, die in der Wertstofftüte landen. Plastik hat die Eigenschaft, sich unter dem Einfluss von Wärme zu verändern, ja zu schmelzen und seine Form zu verlieren. Bei diesem thermischen Prozess verschmelzen die Einzelelemente zu einem größeren Verbund, der beim Abkühlen nun fest zusammenhängt. Die Oberfläche zeigt materialbedingt ein flaches Relief, ein Basrelief, und viele Öffnungen, die für Transparenz sorgen und den Eindruck von Fragilität erwecken. Durch Erhitzen auf einem Formträger wird diese Reliefplatte in schwingende Wellenbewegungen versetzt. Bei der Montage mehrerer Platten berühren sich nur ihre maximalen Auslenkungen. Innerhalb des Objektes entstehen auf diese Weise Zwischenräume, die es mit Luft, Licht und Leichtigkeit füllen. Je nach Richtung, in welcher der Betrachter das Objekt durchblickt, nimmt er die Lagen mit ihren Amplituden und deren in Schwingung versetzte Zwischenräume wahr oder er erkennt die Vernetzungen der Elemente und die tieferen Schichten. Auch hier wird ein Raum deutlich, der durch die vielfarbigen Element verwoben wirkt. Ist also Anne Müller-Dorn eine Plastikerin?
Die weißen Plastiken scheinen dies zu bejahen. Das Prinzip der Verschmelzung von kunstfremdem Material zu einem neuen Objekt wird auch hier deutlich, ebenso die Überformung des Ganzen zu einem sich im Raum frei entfaltenden oder sich dem Raum öffnenden Gebilde.

Auch hier werden die ursprünglichen Gegenstände ihrer Funktion beraubt. Sie verlieren zwar in der Verschmelzung zur neuen Einheit ihre Form, nicht aber ihre Farbe und Transparenz oder Undurchsichtigkeit. Stattdessen stellen sich neue Eigenschaften ein wie Verdichtung durch Überlagerung, Reliefhaftigkeit, Raumhaltigkeit und Fragilität.

 

3. Werkgruppe (Weißleim)

Von den beiden bereits beschriebenen Werkgruppen unterscheidet sich eine dritte. Sie ist stark farbig und hat teilweise kräftige Kontraste, die die Farben zum Leuchten bringen. Farbige, meist quadratische Module von eigenartig plastisch erscheinendem Material bilden einen Farbkörper. Sie entstehen durch das Ausgießen von Hohlformen mit Weißleim und können im flüssigen Zustand durchgefärbt werden. Aus der Farbe als Schein wird Farbe als Sein, sie wird zur Farbmasse, Farbmaterie, wie sie Müller-Dorn übrigens schon in den Plastikdeckeln der Wasserflaschen vorfindet. Wegen der Transparenz und unterschiedlichen Dicke der einzelnen Farbkörperelemente entstehen durch optische Mischung mit der darunterliegenden Farbe reiche und vielfältige Nuancen des Tonwertes. Die Verschmelzung der Module untereinander und mit der Leinwand führt hier tatsächlich zur Freisetzung von Energie, die man als farbiges Licht wahrnimmt.

Müller-Dorn versteht sich selbst als Malerin. Sie handhabt jedoch die Farbmassen plastisch, um der Farbe Raum und Licht zu geben. Das kunstfremde Material und eine Farbigkeit, die Assoziationen an China und Indien wachrufen, provozieren und konfrontieren das Auge des Betrachters mit neuen und ungewohnten Seherfahrungen. Henryk Berlewi (1894-1967, poln. Maler, der mit den Konstruktivisten sympathisierte) formulierte 1924 folgenden Satz: „Die Kunst muss mit allen Angewohnheiten der parfümierten, perversen, überempfindlichen, hysterischen, romantischen, boudoirmäßigen, individualistischen Kunst von gestern brechen. Sie muss eine neue Formsprache schaffen, die für alle zugänglich ist und im Einklang mit dem Rhythmus des Lebens steht.“ (Manifest der Mechano-Faktur in der Zeitschrift „Der Sturm“, Hg. Herwarth Walden, Berlin, Drittes Vierteljahrheft)